Im Jahr 2017 feierte die Evangelische Kirche Deutschlands das 500. Jubiläum der Reformation. Die theologische Bedeutung des Reformators Martin Luther und seine kulturellen und politischen Wirkungen wurden in einer Fülle von Veranstaltungen gewürdigt.
Die aktuelle Frage, warum die Kirchen für immer mehr unserer Mitmenschen an Bedeutung verlieren, kam nicht zur Sprache. Die Gründe dafür mögen individuell verschieden sein. Ein grundlegender, der alle angeht, ist Thema dieser Schrift.
Ein kreatives, friedliches Zusammenleben erfordert ein Grundverständnis über ethische Fragen. Darauf beruht auch das Beachten von Gesetzen in einem demokratischen Rechtsstaat. Über Jahrhunderte bot die christliche Kirche den Gesellschaften in Europa diesen Halt, allerdings immer verbunden mit herrschaftlicher Gewalt - in Deutschland erst spät ausklingend - bis zum Abschied des letzten Kaisers „von Gottes Gnaden“ 1918.
Heute, mit Gedanken- und Glaubensfreiheit, kann die Gesellschaft nur verbinden, was viele als Wert überzeugt. Wer soll diese noch vermitteln, wenn sich unsere Gesellschaft zur ethischen Orientierung zunehmend von den Kirchen entfernt? Wie ist Ethik glaubwürdig zu begründen und was bedeutet Menschenwürde, wenn traditionell Gläubige sie an ein Ebenbild Gottes binden, während anderen Gott allenfalls noch als menschliche Vorstellung gilt?
Kann uns das Christentum, mit seiner Weltsicht der Antike, auf dem Weg in die Zukunft noch Orientierung geben, oder verlangt der Wandel unseres Weltbilds eine Reformation seiner Glaubensinhalte?
Als Anstoß zur Diskussion über solche Fragen ist dieser Text gedacht. Er richtet sich zunächst, aber nicht exklusiv, an die Mitglieder der evangelischen Kirche, weil deren demokratische Verfassung eine offene Diskussion über Glaubensinhalte erleichtert und daraus folgende Beschlüsse ermöglicht.
Ob eine zeitgemäße Reformation ihrer Glaubensinhalte der Kirche ihre tragende gesellschaftliche Rolle zurückbringen kann und wie viele der Mitglieder, die ihr schon verloren gingen, ist nicht vorherzusehen. Der Versuch scheint mir der Mühe wert und an der Zeit, auch im Blick auf die Diskussion über eine nationale Leitkultur aus Sorge vor dem kulturellen Einfluss fremder Zuwanderer.
Die Abschnitte 1-3 skizzieren die Rolle der Religion für die Gesellschaft, ihre Bindung an ein Weltbild und ihre historische Beziehung zum Staat. Der Abschnitt 4 richtet den Blick auf die Verantwortung, die sich aus dem Stand des Wissens ergibt. In dieser knappen Form vorbereitet, wird im Abschnitt 5 die Frage gestellt, warum und wie sich die Kirche ändern muss, wenn sie in einer geistig freien Gesellschaft verlorene Bedeutung zurückgewinnen will, und wer sich dafür stark machen sollte.