Mir erleichtert es das Lesen eines Textes, wenn sich der Autor als Gegenüber zu erkennen gibt, auch über das eigentliche Thema hinaus. In diesem Sinn füge ich einige persönliche Zeilen ein und hoffe gut verstanden zu werden.
Wer also bin ich und warum geht mich das Thema Reformation etwas an? Als Kind und Jugendlicher in die evangelische Kirche hineingewachsen, ist mir die Innenansicht des Christentums als Glaubensheimat vertraut. Meine weitere Erfahrungsgeschichte ist geprägt vom Rückblick auf den zweiten Weltkrieg und das schreckliche Versagen der verantwortlichen Eliten in Staat und Kirchen. Sie hätten schon den Ersten Weltkrieg verhindern können und müssen, und mit der Erfahrung seiner sinnlosen Opfer erst recht den Zweiten. Viele von Ihnen bekannten sich doch zum christlichen Glauben und beteten zu Gott um Weisheit und Führung. Erlagen sie einer Selbsttäuschung? Waren ihre Gebete in den Wind gesprochen? Warum bewahrte das christliche Friedensgebot die Kirche nicht vor dem obrigkeitshörigen Nationalismus?
Über solche Fragen gelangte ich durch Zweifel und Selbstzweifel zu meiner heutigen Außenansicht des Christentums. Was mich noch mit Christen verbindet, ist der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden und der Wunsch nach Gemeinschaft im Gewahrsein des Mysteriums unserer Existenz. Was uns trennt, ist die unüberbrückbar gewordene Kluft zwischen meinem, im Wandel begriffenen natur- und kulturwissen-schaftlichen Weltbild und ihrem, mit dem Weltbild der Antike verhafteten Glauben.
Von Beruf war ich Ingenieur, aber als Bürger eines demokratischen Staats sind für mich auch gesellschaftliche Fragen von Bedeutung und als interessierter Laie in Philosophie und Theologie besonders die des ethischen Zusammenhalts. Eine Reformation der christlichen Glaubensgrundlagen braucht natürlich Zeit und das Mitwirken vieler. Ich halte sie für überfällig und nenne dafür einige Gründe. Der Grenzen meines geistigen Blickfelds und der mangelnden Einsicht in meine unbewussten Motive bin ich mir schmerzlich bewusst. Eine beschränkte Lernfähig-keit und eine beschränkte Lebenszeit ergeben leider nur einen beschränkten Horizont. Das ist - bei bekanntlich großen individuellen Unterschieden - unser gemeinsames menschliches Schicksal.
Und diese Einsicht ist nicht neu:
Abend ward's und wurde Morgen,
nimmer, nimmer stand ich still;
aber immer blieb's verborgen,
was ich suche, was ich will.
Friedrich Schiller (1759-1805)