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Religion und Gesellschaft


3. Weltbild im Wandel

3. Weltbild im Wandel

 

3.1. Naturwissenschaftliches Denken

3.2 Evolution der Natur und Wandel als Grundprinzip

3.3 Evolution der Religionen

 


Als Erben der Mittelmeer-Kultur stammt auch unsere religiöse Tradition aus dem statischen Weltbild der Antike. Indem sich unser Weltbild ändert, weitet sich die Kluft zur Religion mit jedem Schritt seiner Veränderung.

Drei dieser Schritte waren besonders folgenreich:

 

3.1. Naturwissenschaftliches Denken

Das Weltmodell des Kopernikus (1473-1543) markiert den ersten unheilbaren Bruch zwischen Wissen und christlicher Lehre.  Der junge Kopernikus kam bei seinen Studien in Italien mit der griechischen Philosophie in Kontakt. Ob er auch vom heliozentrischen Weltmodell des Aristarch von Samos erfuhr, der es schon 250 AC erkannt hatte, ist unsicher. Bekannt wurde es aus einem Brief von Archimedes (287-212 AC) an seinen König, in dem er begründet, warum er es für falsch hält. Vielleicht blieb es deshalb so lang vergessen.

Die Sonne statt der Erde als Mitte unseres Planetensystems bricht mit der biblischen Schöpfungsgeschichte, der noch ein ebenes dreischichtiges Weltbild zugrunde lag. Die von griechischen Seefahrern erkannte, und von dem Ptolemäer Eratosthenes (276-194 AC) schon sehr genau berechnete Kugelgestalt der Erde, bot dem Himmel als geglaubtem Wohnort Gottes immer noch den nach oben offenen Raum.  Nach Kopernikus kreist die Erde ohne Himmel im leeren Weltall um die Sonne.

Sinnlich anschaulich kreisen Sonne Mond und Sterne natürlich weiter um die Erde. Das Bild des blauen Himmels, der sich darüber spannt, und noch mehr den Sternenhimmel einer klaren Nacht, empfinden wir als erhaben schön.  Die Wirklichkeit aber erklärt fortan die logisch schlüssige, abstrakte Theorie.

Johannes Kepler (1571-1630) fand das heliozentrische Weltbild, auf Grund vieler Messdaten über die Planetenbewegung, empirisch bestätigt. Isaak Newton (1643-1727) gelang die theoretische Begründung aus dem Gravitationsgesetz, das zugleich die von Kepler gefundene elliptische Form der Planetenbahnen erklärt. Die darauf folgende Entdeckung immer neuer Naturgesetze und die Erfahrung ihrer lückenlosen Gültigkeit, stellte dann auch ein übernatürliches Wirken Gottes und damit seine Allmacht infrage.

Der Aufschwung der Wissenschaft nach dem Mittelalter beruhte auf dem wieder entdeckten Gedankengang der griechischen Philosophie:  Beobachtung → Fragestellung → Theoriebildung → Verifizierung.

So gewonnenes Wissen wurde zunächst noch weiter statisch verstanden. Einmal als wahr Erkanntes sollte auf Dauer gültig bleiben. Die Entwicklung einer ganzen Industrie, aus der Anwendung der Naturgesetze, schien dies eindrücklich zu bestätigen.
 
Dann führte das Scheitern der klassischen Physik, bei der Deutung von Beobachtungen der Atom- und Strahlungsphysik, zur ihrer Ablösung durch die Quantenphysik und die Relativitätstheorie. Masse und Energie erwiesen sich als verschiedene Zustände derselben Realität und die Zeit als 4. Dimension des Raums.  Das unmittelbar sinnlich Anschauliche gilt seitdem nur noch annähernd für große Massen in langsamer Bewegung. Die ganze Wirklichkeit ist nur noch abstrakt mathematisch mit Wahrscheinlichkeitswerten erfassbar.

Auch das Wissen selbst wurde zum Gegenstand der Wissenschaftstheorie. Danach ist die Richtigkeit einer Theorie nicht logisch beweisbar. Erfolgreiche Anwendungen einer Theorie verbreitern nur ihre Vertrauensbasis. Zur Widerlegung genügt schon ein einziger Fehlschlag.

Auch Wissen ist also grundsätzlich wandelbar. Ewig gültiges Wissen gibt es nicht.

Die Entschlüsselung des Erbcodes und Fortschritte in der Molekularbiologie und der Hirnforschung belegen, wie alle Lebensvorgänge, einschließlich unseres Denkens nach physikalischen Gesetzen ablaufen und an ihre materielle Grundlage gebunden sind. Seit wir auch die Identität von Energie und Materie kennen und den Informationsgehalt ihrer Anordnung, wie in einer DNA, steht dieser radikale Materialismus allerdings in neuem Licht. Verglichen mit dem Materialismus des 19. Jahrhunderts erscheint er zumindest „geistreicher“. Der von den Griechen übernommene Denkansatz, zusammen mit dem Test einer Theorie unter Bedingungen, die geeignet sind, mögliche Irrtümer aufzudecken, treibt die Erweiterung unseres Wissens voran, auch das Wissen über die Grenzen unseres Verstehens der undurchschaubaren Komplexität, die uns umgibt.

 

3.2 Evolution der Natur und Wandel als Grundprinzip

Charles Darwin (1809-1882) gründete seine Evolutionstheorie auf Beobachtungen an Lebewesen. Er erkannte, dass unser Zweig am großen Stammbaum des Lebens aus dem Ast der Primaten wächst. Darüber hinaus zeigt sich uns heute die Evolution, mit der Atomphysik im Kleinen und der Astrophysik im Großen, als „All“-umfassender, unumkehrbarer Prozess. Beide Stufen haben unser Welt- und Selbstverständnis nachhaltig verändert.

Mit dem Weltbild ihrer Verfasser im Blick, bleibt die biblische Schöpfungsgeschichte ein Achtung gebietender Entwurf einer Welterklärung. Aber sie zeichnet ein statisches Bild mit allenfalls periodischen Veränderungen. Eine vollkommene Schöpfung musste nach ihrer Vorstellung auch ewig unverändert bleiben.  Auch wir können heute in der Natur tiefe Harmonie und Schönheit erleben. So wie ein Mensch in Psalm 104 die Größe und weisliche Ordnung von Gottes Werken preist. Dem nüchternen Blick zeigt sich diese wunderbare Welt des Lebens aber zugleich als chaotisches Entstehen und Vergehen und erbarmungsloses Fressen und gefressen werden - als „Nahrungskette“.

Dazu drei Beispiele:
Kleine Schlupfwespen legen ihre Eier unter die Haut von Blattläusen. Die daraus geschlüpfte Larve frisst die Blattlaus so von innen aus, dass diese noch einige Zeit lebt und sie ernährt. Ihre Haut dient ihr zum Schluss noch als Kokon. Sie werden heute in Gewächshäusern als biologische Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Ein kleiner Raubfisch hat seine Gestalt so täuschend den Putzfischen angenähert, dass große, von Parasiten geplagte Fische ihn vertrauensvoll an sich heranlassen. Dann beißt er sich blitzschnell ein Stück Fleisch heraus und flüchtet.  Eine einsame Autofahrt führte mich einmal durch ein Sumpfgebiet, als dort gerade die Eintagsfliegen schwärmten. Die Straße wie die ganze Landschaft war von einem Flaum aus toten Motten bedeckt. Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie der Fahrtwind sie hochwirbelte. Was bedeutet das Leben eines Individuums?

Zufällige Varianten im Erbgut ermöglichen die Anpassung einer Spezies an Veränderungen ihrer Umwelt oder an neue Lebensräume.  Was sich nicht anpassen kann stirbt aus. Nach dem Grundprinzip alles Lebens „Seid fruchtbar und mehret euch“, füllt die angepasste Variante den Lebensraum durch hohe Geburtenüberschüsse schnell auf. Danach stabilisiert sich die Population, weil im begrenzten Nahrungsangebot nur die effizientesten Hungerkünstler überleben. Als Nachkommen derer, die diesen Kampf ums Dasein bestanden, wehren wir uns mit allen Kräften gegen den Tod. Das Individuum will sich mit seinem Ende nicht abfinden. Sein Lebenswille dient der Arterhaltung, wie auch sein schließlicher Tod, indem er Raum schafft für neue, vitale Artgenossen.

Im 20. Jahrhundert häuften sich die Erkenntnisse über die Dynamik der Evolution.  Nach ersten Hinweisen von Alfred Wegener (1880-1930) wurde die Bewegung der Kontinentalplatten als Ursache von Erdbeben und Vulkantätigkeit erkannt.  Die Atom- und Astrophysik erklärten das Leuchten der Sterne durch die Fusion von Wasserstoff zu Helium wobei der Massenschwund als Licht-Energie abgestrahlt wird. Wenn ihr Wasserstoff verbraucht ist, enden große Sterne als „Supernova“. In ihrem gewaltigen Lichtblitz entstehen alle Elemente des periodischen Systems aus Helium und zerstieben im All. Wir sind aus Sternenstaub. Der Astronom Edwin Hubble erkannte, dass das Weltall beschleunigt expandiert. Die Dynamik des kosmischen Raums mit seinen gewaltigen Energien, Distanzen und Zeiten sprengt unser Vorstellungsvermögen und lässt sich nur in abstrakten Modellen skizzieren. Sie ergeben einen Beginn vor berechenbarer Zeit, ohne Antwort auf die Frage was davor war. Auch ein Ende ist nicht in Sicht, wohl aber das sichere Ende des Lebens auf der Erde, wenn die Sonne ihren Wasserstoff verbraucht haben wird.

Die Entschlüsselung unserer DNA vor erst 20 Jahren, ergab eine Übereinstimmung mit der DNA heutiger Primaten zu 99 %. Anscheinend steckt die Mutation zum sprachfähigen Bewusstsein im verbleibenden 1 %. Wir sehen uns damit tiefer in alles Leben eingebunden und tauchen wohl auch weniger weit aus der unbewussten Existenz der Tiere auf, als bisher geahnt.
 
Noch stehen wir verwirrt und verwundert vor diesem Befund. Ihn wahr und ernst zu nehmen öffnet ein Neuland an Möglichkeiten. Welche Schlüsse daraus für unser Selbstverständnis und unser Sozialverhalten auch zu anderen Lebewesen zu ziehen sind, ist noch offen.

Unsere Existenz in der dieser turbulenten Welt bleibt auch beim heutigen Wissen faszinierend und mysteriös. Der Versuchung, sie mit Mythen oder Offenbarungen zu deuten, muss eine an Erfahrung orientierte Gesellschaft nicht erliegen.

 

3.3 Evolution der Religionen

Kulturgeschichte und Archäologie öffnen heute auch den Blick auf die Evolution von Glaubensvorstellungen, wie den vermutlichen Geburts-Kult, vor 40 000 Jahren.  In „Keine Trompeten vor Jericho“ berichten zwei Archäologen über langjährige Forschungen an Orten, die im Alten Testament eine Rolle spielen. Sie verweisen die ganze Geschichte Moses ins Reich der Mythen. Zeugnisse einer 40-jährigen Völkerwanderung durch die Wüste fanden sie nirgends. Zur Zeit Josuas, berichten sie, war Jericho überhaupt nicht befestigt. Jerusalem zeigte sich zur Zeit Davids als „Provinznest“ und von den Palästen Salomos fand sich noch keine Grundmauer.  Nur sein „Hohes Lied“ der sinnlichen Liebe blieb uns als glanzvolle Spur. Die Forscher glauben, die jüdische Elite habe erst nach der Befreiung aus ihrem Exil durch die Perser deren Monotheismus des Zarathustra aus Babylon importiert. Der jüdische Monotheismus wäre danach viel jünger als das Alte Testament beschreibt. Das legt auch der Bericht einer Archäologin nahe, über eine Kultstätte zu Ehren von Ashera, der Frau oder Mutter von Jahve. Auf einem Berg nahe Jerusalems hatten Priester ihre Opferdienste um 200 AC auf dort gefundenen Tontafeln dokumentiert.  Um 300 AC hatte Alexander der Große auf seinem Weg nach Ägypten auch Palästina unter griechische Verwaltung gestellt. Griechische Zuwanderer brachten dabei ihr Gedankengut nach Jerusalem. Für die späteren Christen griechischer Herkunft war die Jungfrau-Geburt von Christus, nach göttlicher Zeugung, eine gewohnte Vorstellung. Für christliche Juden musste ihr Messias gemäß dem Propheten Jesaja ein Nachkomme Davids sein, also Joseph sein leiblicher Vater.  Im Glaubensbekenntnis von Nicäa  hatte sich die griechische Deutung durchgesetzt.

Der Römische Kaiser Konstantin I. glaubte den Sieg über seinen Rivalen im Kampf um die Macht dem Christengott zu verdanken, weil seine Söldner mit einem Kreuz auf ihren Schilden gesiegt hatten. Das Friedensgebot der Bergpredigt hatte offenbar noch keinen Platz im Denken des Kämpfers. Historiker nennen verschiedene Gründe, warum er nach dem Jupiterkult als Staatsreligion zunächst Toleranz gegenüber allen Kulten einführte, und dann begann, den christlichen Monotheismus zu bevorzugen.  Um seine Macht schnell auf eine einheitliche Staatsreligion stützen zu können, berief Konstantin die Bischöfe zum Konzil in seinem Palast in Nicäa (325) und drängte sie zur Eile beim Formulieren des Glaubensbekenntnisses.

Dies sind nur einige Beispiele, an denen deutlich wird, wie Fortschritte in der Geschichtswissenschaft und Archäologie das Wissen um die Entwicklung religiöser Vorstellungen verändern können.

Die bunte Götterwelt im antiken Griechenland oder Ägypten existierte aus heutiger Sicht nur in der Vorstellung der Gläubigen. Warum sollte für das jüdisch-christliche Gottesbild etwas anderes gelten?

Auch Religion zeigt sich als vom politischen und kulturellen Wandel geformte menschliche Gedankenwelt. Ihr sind bedeutende ethische Fortschritte zu verdanken.  Wo allerdings individuelle Glaubenserfahrung als göttliche Offenbarung allgemeine Verbindlichkeit beansprucht, ging und geht es eher friedlos und gewalttätig zu.  Wenn uns die Evolution auch der Religionen heute bewusst wird, liegt es in unserer Verantwortung, sie nicht nur als Schicksal hinzunehmen, sondern ihre Richtung bestmöglich mitzubestimmen.


Nächstes Kapitel: Ethik und Verantwortung



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