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Religion und Gesellschaft


5. Reformation der Glaubensinhalte

 

5. Reformation der christlichen Glaubensinhalte

 

5.1. Eine Reformation ist überfällig

5.2. Wie wäre die Reformation zu gestalten?

5.3. Wer soll reformieren?
 


5.1 Warum ist eine Reformation der christlichen Glaubensinhalte überfällig?
Weil die Welt im Wandel ist und wir heute wahrnehmen, dass dies immer so war.

Die vorigen Abschnitte skizzieren die Bedeutung der Religion für die Gesellschaft, als Erklärung der Welt, Stütze staatlicher Herrschaft und Begründung von Ethik.  Die Dynamik des Wandels aller dieser Bereiche ist die Erfahrung unserer Zeit.  Dies „wahr“ zu nehmen wird für alle Religionen unausweichlich. Es mag interessant werden, wie andere damit umgehen und was wir daraus lernen können. Die friedliche Annäherung auf dem gemeinsamen Weg in eine globale ethische Zukunft wäre die optimistische Perspektive. Hans Küngs Weltethos weist in diese Richtung. Das Christentum war einmal Vorbild für den frühen Islam. Hochgebildete Sultane bewahrten später die griechische Philosophie durch ein philosophisch finsteres europäisches Mittelalter bis zur Aufklärung. Aktuell stellt sich die Frage, ob eine zeitgemäße Reformation des Christentums den Islam zum nunmehr gemeinsamen Fortschritt ermutigen könnte?

Wenn die evangelische Kirche die Gesellschaft durch den Wandel des Weltbilds ethisch und sinnstiftend begleiten will, muss sie ihre Glaubensgrundlagen kritisch hinterfragen. Wichtige Texte des Alten Testaments sind dem politischen Anspruch der jüdischen Priesterfürsten auf Palästina ideologisch untergeordnet und in Teilen erkennbar falsch. Die des Neuen Testaments sind vom Streit über die Deutung der Person des Jesus von Nazareth überlagert. Ihre Autorität als „Wort Gottes“ ist der heutigen Bedeutung als eines interessanten Dokuments der Zeitgeschichte gewichen.
 
Evangelische Pfarrer werden zur Einführung in ihr Amt als Lehrer und Prediger noch immer auf das Augsburger Bekenntnis von 1530 verpflichtet. Es ist das Nicäische Glaubensbekenntnis (325) mit Erläuterungen von Philipp Melanchton (1497-1560). In dieser Form empfahl er dem Kaiser Karl V. es zur Befriedung des Konflikts zwischen den Konfessionen für beide Kirchen verbindlich einzuführen. Trotz der Unterstützung einiger Fürsten lehnte dies der Kaiser ab. So blieb es ein evangelisches Bekenntnis. Aber keiner seiner drei Artikel verträgt sich noch mit unserem Weltbild.

Ein Grundsatz aller Wissenschaft ist das kritische Hinterfragen der eigenen Lehre. Wo sich Theologen noch auf ewig gültige Offenbarungen berufen und den Teenagern Luthers Katechismus lehren, ist zu erwarten, dass die sich nach der Konfirmation anderen Quellen für die ethische Gestaltung ihres Lebens zuwenden, oder aber, wie leider oft von resignierten Vorbildern vorgelebt, solches Bemühen überhaupt für sinnlos halten. Drastisch beschreibt das der Pfarrer-Witz über den Kampf gegen Mäuse in alten Kirchen. Einer fand die Lösung: Er hat sie konfirmiert. Danach blieben alle dauerhaft verschwunden.

Auf ihrem Weg in die Zukunft sollten sich heutige Christen auch der traditionell engen Bindung ihrer Kirche an herrschaftliche Gewalt bewusst werden und sich vom Bild eines Herrschergottes (siehe Abschnitt 3) lösen, wie es das Gesangbuch-Lied „Jesus Christus herrscht als König, alles ist ihm untertänig“ noch drastisch ausmalt. Der Monotheismus war von Beginn an auch die Ideologie der Monarchen. Sein Gottesbild reicht vom gerechten, liebenden Vater bis zum unberechenbaren Despoten, vor dem man sich in den Staub werfen muss und diente nach den römischen, auch den europäischen Königen und Kaisern „von Gottes Gnaden“ zur Begründung ihrer Macht. Martin Luther galt die „Obrigkeit“ noch als gottgegeben und er nutzte sie auch bei Bedarf. Seine darauf bezogene „Zwei-Reiche-Lehre“ spielte sogar noch einem Hitler in die Hände, wie Biermann Rauh unter dem Titel: „An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen“ eindrücklich darstellt.

Unser heutiges Wissen über unsere Herkunft, unsere Existenz und die Prognosen über unsere nahe Zukunft stellt uns vor neue, drängende Aufgaben (Abschnitt 4). Das von Jesus noch zu Lebzeiten seiner Jünger erwartete Ende der Geschichte ist nicht eingetreten. Die Verantwortung für ihren weiteren Verlauf übernehmen wir von feudalen und klerikalen Hierarchien. Im Bewusstsein der Beschränktheit aller Individuen empfiehlt sich dafür ein ethisch achtsamer demokratischer Weg.
 

5.2 Wie wäre die Reformation zu gestalten?
Mit Wahrhaftigkeit als Maßstab für Glaubensinhalte.  
 
Wahrhaftigkeit gilt seit Urzeiten als grundlegend für ethischen Zusammenhalt und persönliche Reife. Dies wird heute auch durch Wissen belegt. Hirnforscher können beobachten wie unser Gehirn jede neue Erfahrung mit dem Bestand an gespeicherten Erfahrungen abgleicht, überwiegend im Schlaf.

Widersprüche verlangen nach Lösung. Entweder muss die neue Erfahrung hinterfragt und eventuell neu bewertet werden, oder - und das kann wehtun - alte Erfahrungen müssen neuen Einsichten weichen. Ungelöste Widersprüche in emotional wichtigen Bereichen machen schlaflos oder gar krank.

Wahrhaftigkeit dient also auch der seelischen Hygiene. Dies gilt individuell für bewusste und unbewusste Erfahrungen, auch für Bereiche der existenziellen Sinndeutung und die Suche nach ethischem Halt. Es gilt aber auch im Austausch mit der Gemeinschaft in der wir leben. Angesichts der Verschiedenheit der Menschen hier mit achtsamer Toleranz.

Das Glaubensbekenntnis ist mit dem heutigen Weltbild nicht mehr vereinbar, auch nicht mit tiefsinnigen Umdeutungen. Feierlich im Chor gesprochen, ist es ein starkes Ritual und Rituale können Gemeinschaft stiften, aber nur als Form überzeugender Inhalte. Wer da mitspricht, aber innerlich den Kopf schüttelt, tut sich nichts Gutes.

Von Natur aus haben die meisten Menschen ein waches Gefühl für die Realitätsnähe von Glaubensinhalten und die Aufrichtigkeit derer, die sie lehren.  Wenn die kirchlichen Begründungen für Ethik ihren Zweifeln nicht mehr standhalten, und kultische Formen der Wahrhaftigkeit des Denkens im Weg stehen, wenden sie sich ab und gehen der Pflege des ethischen Zusammenhalts der Gesellschaft verloren.

Außerhalb der Kirche stellt sich erst eine Minderheit dieser Aufgabe. Zu stark ist deren einst machtgestütztes Monopol noch im Denken verankert. Erst wenige sprechen ihre Zweifel aus. Bei der Mehrheit überwiegt noch die Furcht, sich durch einen Tabu-Bruch gesellschaftlich zu isolieren oder einsam theologischen Deutungen gegenüber zu stehen, denen sie sich nicht gewachsen fühlen. Die sprachlosen Zweifler sind aber bereits in der Mehrheit.

Wie weit der Weg zur Glaubwürdigkeit noch ist, zeigte beispielhaft der Konflikt um den Ethik-Unterricht an den Schulen. Eine Gemeinde der Sinnsuchenden müsste ihn begrüßen anstatt ihn ängstlich zu bekämpfen.

Eine Kirche, die unglaubwürdige Mythen und die Idylle einer Heilsgeschichte  hinter sich ließe, könnte der Ort werden, wo im Wandel der Kultur über ein sinnerfülltes Leben und eine die Gesellschaft verbindende ethische Orientierung nachgedacht wird, wo zu selbständigem Nachdenken ermutigt wird, wo Wahrhaftigkeit in den Symbolsprachen der Kunst und in kultischen Formen ihren emotionalen Ausdruck findet.  Die wunderbaren Melodien der Choräle und Oratorien der Kirchenmusik könnten mit neuen Texten, vielleicht nach einem Dichter-Wettbewerb, auch Jugendchöre neu begeistern.

Aus dem, was wir heute über unsere Herkunft wissen, ergeben sich interessante neue Ziele, für das, was wir sein könnten. Wir sollten uns mit Humor und zuweilen auch mit Ironie darüber verständigen. Auch in Kenntnis der Nähe unserer DNA zu den Primaten oder der Wirkung von Botenstoffen auf unser Gehirn, behalten die Schwerpunkte der religiösen Traditionen ihren Wert:

Voran die Liebe: So wie der Klang der Stimme sicher älter ist als die Sprache, ist Liebe sicher älter als Religion.  
Wir sind genetisch auf ein Leben in Gemeinschaft geprägt, auf ein Über-Ich.  Mit einzelnen Individuen und mit der Gemeinschaft verbindet uns aktives Vertrauen.  So tief im Gefühl verankert, kann Liebe aber nicht gelehrt, sondern nur vorgelebt werden. Zitat einer Therapeutin: „Wem Liebe gepredigt wird, der lernt nicht lieben, sondern predigen.“

Das Gebet ist und war schon immer eine Form von Meditation, die wir heute in vielen Formen praktizieren. Geborgenheit können wir instabilen, verletzlichen Menschen uns dennoch gegenseitig geben. Wir können das wirklich erfahren aber nicht logisch erklären. Schönheit „wahr“ zu nehmen ist beglückend, und tiefer, wenn sich jemand mitfreut. Ganzheitliches Denken: In der Wahrnehmung des Ich als Teil des Ganzen wird Selbstverantwortung zur Gesamtverantwortung.

Leiden: Wer leidet braucht vor allem aktive Hilfe zur Beseitigung der Ursachen oder wenigsten Linderung. Was unabänderlich bleibt an seelischem und körperlichem Leid, macht Zuwendung, Mitgefühl und Stärkung der Geduld wenigstens erträglicher.

Und schließlich der Tod: Der Tod ist nicht der Sünde Sold. Der Verlust eines geliebten Menschen schmerzt uns tief und die Angst vor einem frühen eigenen Tod, der uns „mitten im Leben“ aus allen Beziehungen reißt, kann uns schwer belasten. Deshalb wehren wir uns, wie alle Individuen, mit allen Kräften gegen den Tod. Aber der Tod der Individuen ist die notwendige Voraussetzung für die weitere Evolution ihrer Art. Der Tod ist deshalb kein Feind, sondern Teil des Lebens.

Die für ein Gelingen des Lebens wichtigen Dinge stehen also überzeugend für sich selbst. Menschenwürde braucht keinen göttlichen Adel. Glaubensfreiheit entbindet aber nicht von der Pflicht zum Denken und der Erweiterung des eigenen Wissens, auch über das Mysterium unserer Existenz. Eine Religion für reife Menschen muss sich solchen Erkenntnissen stellen und verständliche Regeln entwickeln, was unter einem sich wandelnden Weltbild ein gutes Leben sein kann.  Dafür fehlt es ja der Kirche nicht an Wegweisern. Eher an Mut, sie ernst zu nehmen.

Albert Schweitzers „Ehrfurcht vor dem Leben“ findet zwar respektvolle Anerkennung, stößt aber als Begründung von Ethik noch immer auf dogmatische Vorbehalte.

Dietrich Bonhoeffer wendet sich in seiner Dissertation unter dem Titel: „Akt und Sein“ scharf gegen jede Art von „Gegenständlichkeit“ Gottes und verwirft das traditionelle christliche Gottesbild mit dem Satz „Den Gott, den es gibt, gibt es nicht“. Gott ist ihm nur im Akt der Begegnung erfahrbar.  Ähnlich umschreibt Paul Tillich Gott als „Der Name für den Inhalt dessen, was uns unbedingt angeht“.

Carl Friedrich von Weizsäcker schrieb: „Man kann die Bibel nur entweder ernst oder wörtlich nehmen“.

Hans Peter Jörns nennt, unter dem Titel:  „Notwendige Abschiede auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum“,  acht Vorstellungen, die der Glaubwürdigkeit im Weg stehen:

1. Das Christentum sei keine Religion wie andere Religionen.
2. Die Bibel sei einzigartig durch Offenbarungen entstanden.
3. Allein die Bibel enthalte die universelle Wahrnehmungsgeschichte Gottes.
4. Man könne erwählt oder verworfen sein.
5. Die gegenseitige Ebenbildlichkeit von Mensch und Gott.
6. Die Herabwürdigung unserer Mitgeschöpfe.
7. Der Tod sei der Sünde Sold.
8. Die Hinrichtung Jesu als Sühneopfer.

Was darüber in kleinen Kreisen besprochen wurde, haben viele längst im Stillen für sich vollzogen.

Klartext redet der anglikanische Bischof Spong: „Why Christianity must change or die“, warum sich das Christentum ändern oder sterben muss.  (Deutsche Ausgabe: „Was sich im Christentum ändern muss“)


5.3 Wer sollte die christlichen Glaubensinhalte reformieren?
Die Christen im Land der Reformation.

Sinnsuchende Lebensgemeinschaften außerhalb der Kirchen finden Zulauf, wie etwa die Humanistische Union. Sie könnten einzeln oder vernetzt den Vielen, die sich den Kirchen entfremden, eine ethische Heimat bieten. Vielleicht läuft es so. Wie uns die Geschichte nun mal unsere Gesellschaft hinterlassen hat, scheint mir die Pflege des ethischen Zusammenhalts bei der Kirche weiter in guten Händen, allerdings nur wenn sie zum Wandel bereit ist.

Wer sonst verfügt über so viel und vielseitig qualifiziertes Personal mit langjähriger Erfahrung bei der Begleitung von Menschen durch ihre existentiellen Lebensphasen.  Von wem wird noch immer mehr Autorität erwartet?  Wer verfügt über solidere organisatorische Strukturen und Räume und wer sonst könnte auf das Engagement von immer noch so zahlreichen Mitgliedern bauen?

Wie im vorigen Abschnitt erwähnt, mangelt es nicht an weitsichtigen Vordenkern einer Kirche in Bewegung. Drei seien noch einmal exemplarisch genannt. Ihre Thesen wurden vielfach diskutiert und dann ins Bücherregal gestellt.  Sie ernst zu nehmen, bedeutet den Abschied von überholten Bekenntnissen.

Carl Friedrich von Weizsäcker: „Die Zeit drängt“ (1987) mag als Leitlinie gelten. Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Umwelt beschreibt er als drei notwendige und untrennbare Bedingungen für das Überleben unserer Zivilisation.  Im Weltkirchenrat verpflichteten sich alle Gliedkirchen auf ihre Verwirklichung.  Die Zeit drängt heute noch mehr, aber was wurde aus der Verpflichtung?

Hans Peter Jörns’ „Notwendige Abschiede“ (2005).
 
Albert Schweizer „Kultur und Ethik“ (1923). Er fand in der Ehrfurcht vor dem Leben die lange gesuchte Form einer Ethik, die ihre rationale Begründung mit dem zum Handeln notwendigen emotionalen Antrieb verbindet.  Die Kirche erlaubte dem Arzt und Theologen sein Wirken als Arzt in Lambarene nur unter der Bedingung, dass er dort nicht predigt. Dürfte er es in der Kirche heute?


Nächstes Kapitel: Nachwort



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